Geschichte

Nach der Auflösung des Westfrankenreiches im Laufe des 10. Jahrhunderts entwickelte sich das südliche Drittel des heutigen Frankreichs im 11. und 12. Jahrhunderts zu einem eigenständigen Kulturraum mit eigener romanischer Sprache und hoher kultureller Blüte.  Die okzitanische Sprache unterschied sich deutlich von der im Norden gesprochenen  französischen Sprache und wurde mit der Troubadour-Dichtung zur ersten europäischen Literatursprache des Mittelalters. Aber nicht nur die Sprache unterschied sich deutlich von der im Norden. Die längere und intensivere Romanisierung im Süden führte zu anderen Regeln des sozialen Zusammenlebens; deutlich geprägt durch das Fortleben von Grundsätzen des römischen Rechts. Charakteristisch war die weitgehende Abwesenheit feudaler Formen im Sozialgefüge und das Verhältnis von Frauen und Männern.  In allen Gesellschaftsschichten genossen die Frauen eine Freiheit, wie sie im feudalistischen Norden undenkbar war.

In mehreren Abschnitten wurde der fortschrittliche Süden der Herrschaft des Nordens unterworfen. Am Anfang stand die Bekämpfung der Katharer – auch Albingenser genannt –, die die Einheit der katholischen Kirche bedrohten. Der Papst rief zum Kreuzzug gegen die Ketzer auf: „Erhebt Euch, Soldaten Christi, erhebt Euch, christliche Fürsten, vernichtet durch Gewalt und Schwert diese Häretiker, die viel gefährlicher sind, als die Sarazenen“. Der Kreuzzug, der schnell zum Eroberungszug vor allem gegen den unabhängigen Machtbereich der Grafen von Toulouse wurde, war von beispielloser Brutalität.
Das Kreuzfahrerheer des nordfranzösischen Adels zog eine blutige Spur durch das Languedoc unter Führung von Simon de Montfort, eines grausamen Kriegers aus der Ile de France und unter Begleitung von Vertretern des Papstes. Zum Auftakt wurde die gesamte Bevölkerung der Stadt Beziers niedergemacht nach dem Motto eines katholischen Kirchenmannes: „Tötet sie alle, der Herr wird die Seinen erkennen“. Dem militärischen Sieg folgten die Scheiterhaufen, überall wütete die Inquisition. Hundert Jahre später soll der letzte Katharer in Carcassonne verbrannt worden sein.

Die von Deutschland und der Schweiz ausgehende Reformation machte auch in Frankreich nicht halt. Im ganzen Land gründeten die Protestanten neue Gemeinden. Im Süden, wo die Neigung zu religiöser Abweichung trotz des Katharer/Albingenser-Dramas nach wie vor ungebrochen war, erhielten die Protestanten besonders großen Zulauf. Die danach ausbrechenden Religionskriege dauerten ein halbes Jahrhundert und waren geprägt von zahlreichen Blutbädern. Am schlimmsten wütete der Tod in der sogenannten Bartholemäusnacht, auch Pariser Bluthochzeit genannt (1572), in der über 20.000 Protestanten ermordet wurden. Im Jahre 1598 wurden die Kriege beendet durch das Edikt von Nantes von Heinrich IV, in dem den Hugenotten freie Religionsausübung zugesichert wurde. Vor allem im Süden stabilisierten sich die Protestanten.

Die Aufhebung des Ediktes von Nantes im Jahre 1685 durch Ludwig XIV, bewirkte die Auswanderung von etwa einer halben Million Hugenotten vor allem nach Holland und Brandenburg und führte zu lang anhaltendem und starkem Widerstand, besonders in den Cevennen. Die Dragoner des Königs verfolgten nach dem Motto: „un roi, une loi, une foi“ (ein König, ein Gesetz, ein Glaube) in einem jahrzehntelangen, grausamen Krieg die hugenottischen Rebellen, die sogenannten Camisarden.
Unterstützt, verpflegt und versteckt von der lokalen Bevölkerung wurde der Staatsmacht ein Guerillakrieg aufgezwungen, dem diese mit einem Riesenaufgebot an Soldaten und mit brutalster Gewalt begegnete. Ganze Gemeinden wurden umgebracht, Wälder und Dörfer abgebrannt und die Bevölkerung deportiert. Gefangene Aufrührer wurden gerädert, gehängt, geköpft, verbrannt. Kein Wunder, daß Hass und Misstrauen gegenüber dem Zentralstaat wuchsen, wie auch die Bereitschaft zu Rebellion, zivilem Ungehorsam und Widerstand, die über Jahrhunderte lebendig geblieben ist.
Im zweiten Weltkrieg wurden die Cevennen zur Zuflucht von Verfolgten der Nazis und der Vichy-Miliz, die protestantischen Pfarrhäuser zu Anlaufstellen für jüdische Flüchtlinge.

Von diesen schwierigen Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung gibt es heute noch an vielen Stellen sichtbare Spuren:
• Das „RESISTEZ“ eingeritzt von gefangenen protestantischen Frauen in die Wände des Gefängnis-turms Tour de Constance in AIGUES-MORTES;
• die geheimen Versammlungsplätze der Protestanten, die nach wie vor einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachen;
• die „Grottes des Camisards“, einst als Waffenlager und Verstecke benutzte Höhlen;
• die Orte mit dem Beinamen „LE DESERT“ (die Wüste), die das Abtauchen in den Untergrund in Anspielung auf die Wüsten Israels symbolisieren;
… um nur einiges zu nennen.
Im „MUSEE DU DESERT“ im Mas Sobeyran, nahe Andouze, versammeln sich jedes Jahr im September Tausende von Protestanten zum gemeinsamen Gedenken an die schwerste Zeit ihrer Geschichte.

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